Unser Chef-Laborant im Interview

Themenbereich: Einblicke

by 25. Januar 2022

Interview

Remo Müller: «Das Überleben des Stärkeren sollte bei EVU das Überleben des Anpassungsfähigsten heissen»

Die Energieversorgung befindet sich im Transformationsprozess: Remo Müller leitet das Innovationslabor von WWZ. Geht es nach ihm, sind Netzwerke und Ökosysteme heute erfolgsentscheidend.

Fabian Wyssmann: Normalerweise treffen wir uns für Gespräche im Switzerland Innovation Park Central (SIPC). Nun müssen wir mit Microsoft Teams vorliebnehmen. Fehlt dir der persönliche Kontakt in deiner Funktion als Geschäftsführer eines Innovationslabors?
Remo Müller: Ja, der persönliche Austausch kann in einem solchen Umfeld kaum ersetzt werden. Im Umgang mit digitalen Kommunikationskanälen sind wir und unser Innovationboard grundsätzlich gewandt. Allerdings ist die Qualität von Treffen in der realen Welt unübertroffen. Zum Glück haben wir ein eingespieltes Team. Wenn aber jemand neu dazu kommt, muss man sich irgendwie beschnuppern können. Die digitale Interaktion funktioniert hervorragend – aber es geht nichts über den realen Austausch.

Warum braucht ein Energieversorger wie WWZ ein eigenes Lab?
In grossen Transformationsprozessen – und darin befindet sich die Energiewelt zweifelsfrei – ist es schwierig, aus dem Trott herauszukommen. Im Tagesgeschäft eines EVU ist vieles eingespielt. Für die Erbringung vorhandener Leistungen ist das grundsätzlich förderlich. Schwerer wird die Veränderung aus dem Inneren. Mit einem Lab schafft man die Möglichkeit, Dinge anzugehen, die man sonst nicht angehen würde oder könnte. Beispielsweise die Prüfung und Bewertung von Opportunitäten, die vom Kerngeschäft etwas weiter entfernt sind, als gewohnt. Es gibt selbstverständlich keine Garantie, dass ein Lab disruptive Ideen generiert und diese Chancen am Schopf packen kann – aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Dinge in Bewegung kommen.

Warum interessiert ihr euch – gemäss eigenen Aussagen – für Probleme und nicht für Lösungen?
In erfolgreichen Firmen herrscht eine ausgesprochene «Lösungsorientierung» und das Credo «komm mir nicht mit einem Problem, sondern mit einer Lösung» herrscht vor. Aber wenn sich Dinge verändern, wird genau das zum eigentlichen Problem. Will man neue Geschäftsmodelle etablieren, muss man Probleme durchdringen. Folglich müssen wir uns zuerst mit ihnen und Kundenbedürfnissen beschäftigen. Selbst wir verlassen die eigentliche Problemfindungsphase manchmal zu früh. Wir sollten allgemein tiefer Graben – so entstehen Lösungen auf verschiedenen Arten.

Ist die zunehmend dezentrale Energieversorgung eine Bedrohung für eure Auftraggeber und Muttergesellschaft WWZ?
Definitiv. Bedrohung ist zwar hart ausgedrückt. Langfristig gesehen dürfte der von PV-Anlagen lokal produzierte und gespeicherte Strom so günstig sein, dass andere Technologien nicht mehr mithalten können. Das hat einen Systemwandel zur Folge. Ein solcher wird zur Bedrohung, wenn man sich nicht frühzeitig mit dem Thema auseinandersetzt und Geschäftsmodelle erneuert. Dank einer ausgeprägten Innovationskultur entsteht bei WWZ aber sehr viel. Man denke nur an das Generationenprojekt «Circulago», bei welchem Seewasser für das Heizen und Kühlen der Stadt Zug verwendet wird. Auch deshalb wird WWZ in Zukunft weiterhin eine tragende Rolle zugutekommen. Würde man hingegen nicht aktiv werden oder bleiben, würde der Zug an uns vorbeziehen.

Wir haben jahrelang digitalisiert und globalisiert. Start-ups tun sich mit neuartigen Geschäftsmodelle hervor, welche – zumindest in anderen Branchen – etablierte Player ins Wanken bringen können. Wie stellt man sich als Energieversorger der Disruption?
Ich denke, man muss zwei Dinge gleichzeitig tun. Einerseits das Kerngeschäft und Produkte verbessern, um Erträge zu optimieren. Andererseits Raum schaffen, um neue Ansätze zu absorbieren, zu verstehen und die Bedeutung für das Kerngeschäft einzuordnen. Das braucht Raum und damit Labs wie allthisfuture. Wichtig sind Ressourcen, um die eigene Situation, Skills und Assets einzuordnen. Um zu schauen, was man aus ihnen macht und um Verbindungen zu Partnern zu schaffen, die einem komplettieren. Netzwerke und Ökosysteme sind heute erfolgsentscheidend. Das Überleben des Stärkeren sollte bei Energieversorgern das Überleben des Anpassungsfähigsten heissen.

Euer Fokus für das Jahr 2022 ist damit praktisch klar. Werfen wir einen Blick zurück aufs Jahr 2021. Welche Themen habt ihr bewirtschaftet?
Der Fokus lag auf der Elektromobilität und folglich Ladering – einer Kooperation mit einem anderen Mitglied des SIPC. Er vereinfacht das Laden von Elektroautos für Mieter und Stockwerkeigentümer. Unser Lab-Kollege Carlo Opromolla begleitet das Geschäftsmodell zur Skalierung innerhalb von WWZ und damit in den operativen Betrieb.

Dann gibt es natürlich viele andere Themen, die wir behandelt haben. Darunter Pop-up-Ladesäulen, mobile Stromversorgungen für Baustellen, Batteriecontainer zur Netzentlastung, Blockchains sowie Tokenisierung oder auch das bidirektionale Laden eines Schiffs. Ein Schiff kann übrigens netzentlastend eingesetzt werden, da es oft angelegt ist. Denn wie sagt man so schön? Fahrzeuge sind Stehzeuge. Und die Standzeit lässt sich auch beim Schwimmzeug monetarisieren. Für die Weiterverfolgung der Idee haben wir nach einer Art Ausschreibung auf jointcreate.com eine Finanzierung vom NTN Innovation Booster namens «Energy Lab» erhalten. Dabei handelt es sich um ein Innovations-Ökosystem, das aus mehr als 200 Partnern und Forschungseinrichtungen in der Schweiz besteht und von Innosuisse unterstütz wird. Diskutiert und debattiert haben wir auch über Roboterkräne, Stadt-Begrünung, Shared Mobility und Batterie-Wertströme. Ende 2021 hat uns das Thema Agri-PV gepackt. Mit unserer Initiative «Change my Mind» waren wir zudem in Zug unterwegs, um eine Pulsfühlung bei der lokalen Bevölkerung zu unseren Themen zu machen…

Remo Müller ist CEO des Innovationslabors allthisfuture

Letzteres lässt sich nur in Bildform erklären. Spielen wir «Hot or Not», respektive «Geschäftsmodell-Tinder».
Alles klar!

Semi-mobile Batteriespeicher Container: Not, zumindest momentan/in der Schweiz nicht
Ein elektrisches Schiff «MS Ägerisee»: Hot, insbesondere die Bidirektionalität
Stadtgrün: Hot, aber leicht zurückpriorisiert
Roboterkran: Hot, aber nicht für uns
Tokenisierung im Fahrzeugverleih: Not, zumindest nicht für uns
Wertströme Batterien: Hot
Agri PV: Hot
Change my mind: Very hot, Pulsfühlung pur

Danke dafür. Übrigens: ich höre oft Services. Warum eigentlich nichts «Handfestes»?
Als EVU sind wir kein Hardwarehersteller. Und es wäre auch ein grosser Schritt, das zu werden. Wir kaufen salopp gesagt, was wir brauchen, um Kundenbedürfnisse zu decken. Aber natürlich gibt es in dem Umfeld auch Gewinner, die mit Hardware gute Verkaufschancen haben. Für mich gehört beispielsweise smart-me aus Rotkreuz dazu.

Und was treibt euch an und begünstigt die Gestaltung solcher Servicemodelle?
Alle bei uns haben Freude an Veränderung und Kreation. Wir wollen Grenzen ausloten zwischen dem was möglich und dem was nicht möglich ist. Dann ist auch der Wille entscheidend, Geschäfte von Null aufzubauen. Den Antrieb müssen wir haben.

Das ist so anspruchsvoll, wie es klingt. Was ist hier erfolgsentscheidend?
Im Team haben wir verschiedene Rollen und Kompetenzen. Die führen zu Spannungen und teils angeregten Diskussionen. Reibung erzeugt Wärme und diese hitzigen Debatten gilt es auszuhalten. Unsere Arbeit ist geprägt von Konflikten, die uns weiterbringen, was durchaus bereichernd ist. Deshalb legen wir Wert auf verschiedene Charaktere, Meinungen, Sichtweisen.

Ihr habt weder Maschinen noch eine Horde an Softwareentwicklern. Wie werden eure Ideen überhaupt zum Produkt?
Was wir liefern, sind Visionen und die Ideen sowie Ansätze, um sie zu verwirklichen. Wir müssen definieren, welchen Markt wir adressieren, Marktgrössen dimensionieren und abschätzen, festlegen wie und mit welchen Leistungsversprechen man die Kundschaft adressiert. Das geht auch im kleinen Team. Anschliessend lässt sich vieles auslagern – dank einem starken Netzwerk an cleveren Menschen, sind wir in den Bereichen Ideation in Incubation gut unterwegs.

Mal angenommen, das hier wäre ein Wunschkonzert: was würdest du dir für allthisfuture wünschen?
Einen Top-Ersatz für Carlo Opromolla, den ich sehr schätze. Jemand, der ins Team passt, mit Drive und einer klaren Haltung. Für 2022 wünsche ich mir zudem wiederum etwas zum Aufbauen. Idealerweise ein Spin-off oder Joint Venture, welches wir skalieren können. Denn genau das ist unser Ziel.

Und jetzt eine Frage an dich: Bist du interessiert an einer dezentralen Energiezukunft? Engagierst du dich gar in diesem Bereich? Dann sind wir an deinen Ideen und deiner Tatkraft interessiert. Melde dich noch heute bei uns. Als Innovationslabor von WWZ freuen wir uns, dich partnerschaftlich bei der Umsetzung deiner Geschäftsidee zu unterstützen.

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allthisfuture überschreitet Branchengrenzen, erkundet Wachstumsmärkte und schafft Verbindungen. Fundiertes Knowhow aus dem Energie- und Telekomversorgungsgeschäft gepaart mit hoher Methodenkompetenz machen uns zur Brutstätte für neue Geschäftsideen. Unser Fokus liegt auf der Schnittmenge von Energie und ICT, mit Blick in eine dezentralisierte Servicelandschaft.

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